• Sonntag, 18. November 2018

Girokonten: Zahlungskontengesetz wird nicht pünktlich umgesetzt

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Der Kontowechsel ist in Deutschland mittlerweile problemlos möglich. Nicht zuletzt deshalb, weil die Banken dazu verpflichtet sind, beim Wechsel aktiv mitzuhelfen. In anderen Bereichen des Bankings und der Rechtslage funktioniert das Zusammenspiel allerdings noch nicht ganz so optimal. Hierunter fällt auch das neue Zahlungskontengesetz, durch welches die deutschen Bürger auf einer zertifizierten Webseite künftig über die Angebote rund um die Girokonten informiert werden müssen. In der Theorie eine schöne Angelegenheit, in der Praxis hapert es an der Umsetzung allerdings noch gewaltig.

Beim Wechsel wird geholfen

Banken müssen ihren Bankkunden bei einem Girokonto-Wechsel behilflich sein. Das bedeutet für die Banken natürlich einen deutlichen Mehraufwand, da zum Beispiel der Telefonanbieter des Kunden, der Energieversorger oder sämtliche anderen Geschäftspartner kontaktiert werden müssen. Bevor sich ein Kunde aber überhaupt für einen Wechsel entscheidet, ist in der Regel erst einmal ein Überblick über die Angebote auf dem Markt und die Konditionen des eigenen Kontos einzuholen. Und genau da wird es schwierig, denn der Großteil der Girokontenbesitzer in Deutschland hat keinen genauen Überblick darüber, wie teuer das eigene Girokonto unterm Strich im Jahr wirklich ist. Zwar sind die Kontoführungsgebühren oftmals bekannt, zusätzliche Kosten für Zinsen, Kontoauszüge oder ähnliches werden aber gerne übersehen.

Beim Stichwort Transparenz kommt nun das Zahlungskontengesetz ins Spiel, welches von der Europäischen Union festgelegt wurde. Dieses Gesetz sieht vor, dass in jedem Land eine zertifizierte Webseite vorhanden sein muss, die einen Überblick über die verschiedenen Angebote und Konditionen der Banken liefert.

Neutrales Angebot soll Transparenz schaffen

Sinn und Zweck des Gesetzes ist es, die Transparenz auf dem Markt zu erhöhen und gleichzeitig auch einen höheren Konkurrenzdruck bei den Anbietern zu schaffen. Vergleichsportale sind heutzutage natürlich schon in Hülle und Fülle vorhanden, allerdings wurde über eine Zertifizierung bisher noch nicht nachgedacht. Wobei, ganz korrekt ist das nicht. Immerhin stammt die Zahlungsrichtlinie der EU bereits aus dem Jahre 2014 und ist damit schon gute vier Jahre alt. Jetzt allerdings wird es zeitlich ernst, denn bis Ende Oktober sollte eine derartige Webseite vorhanden sein.

In Deutschland wird diese Umsetzung bis zum Stichtag am 31. Oktober 2018 allerdings nicht möglich sein. Und das, obwohl die Bundesregierung sogar frei festlegen konnte, ob die Vergleichsseite aus dem privatwirtschaftlichen Bereich stammen soll oder doch als staatliches Angebot präsentiert werde. In Deutschland entschied man sich für die erste Variante und sorgte damit natürlich erst einmal für großes Interesse bei den verschiedenen Unternehmen. Immerhin kann mit der Lizenz vermutlich ein Großteil des Marktes eingenommen werden, zusätzlich dürften damit auch die anderen Vergleichsmöglichkeiten der Seiten in ein besseres Licht gestellt werden – wenn denn alles so läuft, wie geplant.

Wer zertifiziert überhaupt?

Doch genau danach sieht es aktuell überhaupt nicht aus. Während die großen Vergleichsseiten im Internet durchaus Interesse an einer Zertifizierung bekundet haben, hakt es an ganz anderer Stelle. Bisher hat sich nämlich noch kein Zertifizierer finden lassen. So erklärte die Deutsche Akkreditierungsstelle, dass bislang noch keinerlei Anträge für eine entsprechende Stellung als Zertifizierer eingegangen sein. Wenn ein Interesse besteht, muss der Weg allerdings genau über diese Stelle führen, welche dem Unternehmen dann eine entsprechende Erlaubnis erteilt. Das Problem an der ganzen Sache: Die Prüfung der Deutschen Akkreditierungsstelle kann nicht innerhalb eines Tages durchgeführt werden, sondern nimmt für gewöhnlich einen Zeitraum von mehreren Wochen in Anspruch.

Ohne Zertifizierer können natürlich auch keine Zertifikate ausgestellt werden. Das ist durchaus auch dem Bundesfinanzministerium bekannt, welches auf Anfrage der „Welt“ erklärte, dass man sich in Gesprächen mit der Deutschen Akkreditierungsstelle befinde. Ergänzt wurde laut der Zeitung zudem, dass es für das Finanzministerium weiterhin ein „wichtiges Anliegen“ sei, „zeitnah eine zertifizierte Vergleichswebsite in Deutschland angeboten“ werden könne.

Prüfstellen finden Zertifikat nicht attraktiv genug

Gleichzeitig muss sich die Bundesregierung in diesem Fall wohl auch den Vorwurf gefallen lassen, dass etwas zu blauäugig auf die Kooperationsbereitschaft der unterschiedlichen Prüfstellen gesetzt wurde. So prüfen zum Beispiel der TÜV oder die Dekra ein Unternehmen natürlich nur dann, wenn hierdurch ein gewisser finanzieller Nutzen entsteht. Doch wer genau würde für ein derartiges Zertifikat eigentlich bezahlen? Das fragt man sich auch gerade beim TÜV-Rheinland, der erklärte, dass man gerade eine Marktanalyse zu diesem Thema durchführe. Das sind erst einmal gute Nachrichten für die Bundesregierung. Die schlechte Nachricht allerdings: Auch eine solche Marktanalyse kann nicht von heute auf morgen durchgeführt werden, sondern kann je nach Umfang mehrere Monate dauern. Eine weitere Hiobsbotschaft gibt es zudem bereits von der Dekra und dem TÜV-Süd, denn hier ist die Ausgabe eines derartigen Zertifikates bereits abgelehnt worden.

Für die Bankkunden sind diese Hiobsbotschaften natürlich ärgerlich, da so erst einmal weiter auf eine zertifizierte Webseite gewartet werden muss. Ab Ende Oktober sind die Banken laut dem Zahlungskontengesetz allerdings auch dazu verpflichtet, ihren Kunden noch mehr Informationen zukommen lassen müssen. Welche dies genau sind, wurde von der BaFin einheitlich festgelegt und ist damit für alle Banken identisch.

Banken müssen selbst für Transparenz sorgen

Festgehalten ist in den Richtlinien der BaFin zum Beispiel die Tatsache, dass die Banken ihre Kunden darüber informieren müssen, an wie vielen Geldautomaten kostenlos Bargeld abgehoben werden kann. Darüber hinaus sind die Banken dazu verpflichtet, sämtliche Gebühren für Überweisungen, die Karten, Abhebungen oder ähnliches zu präsentieren. So soll eine größere Transparenz geschaffen werden, die den Kunden hilft, ein Angebot auf Grund unattraktiver Konditionen schneller wechseln zu können. Ohnehin sollten bei einem Kontowechsel immer mehrere Aspekte betrachtet werden. Wer beispielsweise einen Dispositionskredit in Anspruch nehmen möchte, sollte hierbei natürlich den Zinssatz beachten und die Angebote in diesem Bereich vergleichen.

Für zusätzliche Transparenz auf dem Markt müssen die Banken aber auch hinsichtlich der Kosten für ein Girokonto sorgen. So besteht die Pflicht, dass die Unternehmen ihre Kunden einmal im Jahr über sämtliche gezahlten Gebühren für das Girokonto in den letzten zwölf Monaten informieren müssen. Hierbei sind sämtliche Kosten enthalten, auch für Gebühren, Überweisungen oder Zinsen.

Gibt es überhaupt noch kostenlose Girokonten?

Die gute Nachricht für alle Girokonten-Nutzer: Es sind tatsächlich noch kostenlose Angebote auf dem Markt verfügbar. Allerdings sollte in dieser Hinsicht genau auf die Konditionen der einzelnen Konten geachtet werden. Denn nicht immer kann das eigentlich kostenlose Konto auch zu 100 Prozent als gebührenfrei bezeichnet werden. Einige Konten sind zum Beispiel nur dann wirklich kostenlos, wenn ein gewisser monatlicher Geldeingang nachgewiesen werden kann. Auch hier gibt es allerdings noch einmal Unterschiede, denn während beim einen Konto möglicherweise 700 Euro als Geldeingang ausreichen, werden für ein anderes Konto monatlich 1.000 Euro oder mehr als Geldeingang benätigt.

Laut einer Prüfung von Stiftung Warentest sind so von rund 270 aktuellen Kontomodellen nur 23 Konten vollständig gratis, wenn denn ein regelmäßiger Geldeingang vorgewiesen werden kann. Dieser kann zum Beispiel durch das Gehalt oder die Rente belegt werden. Bei 70 weiteren Konten sind die Kosten im Falle eines regelmäßigen Geldeinganges zwar recht gering, dennoch müssen in diesem Fall trotzdem Gebühren gezahlt werden. Laut verschiedenen Experten sollten die Kontobesitzer spätestens dann über einen Wechsel nachdenken, wenn diese Gebühren im Jahr den Betrag von 60 Euro übersteigen. Hilfreich kann es dabei sein, zunächst bei der Bank nach einem günstigeren Kontomodell zu fragen. Sollte keine attraktive Alternative angeboten werden, lohnt sich der Kontowechsel.

Vorteil für die Online Banken

Grundsätzlich ist den Girokontenbesitzern dazu zu raten, nicht zu sehr auf die Kundenbindung der alteingesessenen Filialbanken zu vertrauen. Das ist zwar ein schöner Begleiteffekt, allerdings können gerade mit den Angeboten der Online Banken oftmals beträchtliche Summen eingespart werden. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Online Banken natürlich deutlich geringere Kosten zu tragen haben. Mieten für die eigenen Filialen oder Kosten wie Strom und ähnliches entfallen. Das wirkt sich am Ende auch auf die Konditionen und Angebote aus, mit denen die Filialbanken oftmals nicht mithalten können.

Darüber hinaus sticht auch der Punkt der Kundenbetreuung nicht mehr wirklich. Gerade in ländlichen Regionen ist zunehmen zu beobachten, wie immer mehr Banken ihre Filialen schließen und lediglich in der nächstgrößeren Filiale für eine individuelle Beratung zur Verfügung stehen. Online wiederum wird von den Banken für gewöhnlich auf einen lückenlosen Kundensupport gesetzt, der nicht selten rund um die Uhr und auf verschiedenen Wegen in Anspruch genommen werden kann.

Konkurrenzdruck wird zunehmen

Sicher sagen lässt sich, dass der Konkurrenzkampf in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen wird. So sorgt die neue Richtlinie der EU schon dafür, da die Banken auf der Vergleichsseite natürlich einen guten Eindruck hinterlassen wollen und so vermutlich die eigenen Angebote noch einmal überarbeiten werden. Gleichzeitig entwickelt aber die Konkurrenz im Internet das eigene Angebot ebenfalls immer weiter. Die Rollenverteilung auf dem Markt dürfte also noch weiter ins Wanken geraten, nachdem die Filialbanken in den letzten Jahren schon mehr und mehr ihrer Anteile abgeben mussten. Für den Verbraucher sind diese Änderungen aber natürlich hervorragend: Wurde es schon jetzt einfacher gemacht das Konto zu wechseln, kann in Zukunft auch noch einmal deutlich einfacher zwischen den verschiedenen Angeboten unterschieden werden.

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