Wohl selten stand der Finanzmarkt vor so großen Herausforderungen wie in diesen Tagen. Und mit ihm natürlich auch alle Anleger. Weltweit sind Börsen unter Druck geraten, da Krieg, Inflation und auch die Corona-Pandemie noch immer Einfluss auf die Wirtschaft haben. Zumindest für die Sparer gab es in den vergangenen Wochen aber auch ein paar positive Nachrichten. Nachdem die Europäische Zentralbank die Niedrigzinspolitik etwas lockerte, tauchen immer mehr Anlagemöglichkeiten im traditionellen Sinne auf. Darunter unter anderem Tagesgeld- und Festgeld-Angebote. Lohnt sich das Kontensparen also mittlerweile wieder?
Zinsen ja, aber auf einem niedrigen Niveau
Nicht wenige Finanzexperten sprechen angesichts der aktuellen Marktlage von der größten Herausforderung für die Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. In der Tat drücken Inflation, Krieg und Corona-Nachwirkungen massiv auf die Wirtschaftskraft der Unternehmen. Um zumindest der Inflation Herr zu werden, haben in den vergangenen Wochen mehrere Notenbanken ihre Zinssätze angepasst. So erhöhte die US-amerikanische Notenbank FED den Leitzins des Landes bereits zwei Mal. Auch die Europäische Zentralbank reagierte jüngst und lockerte die Niedrigzinspolitik. Das hat zum Teil große Folgen. Kredite müssen nun deutlich teurer zurückgezahlt werden als noch vor ein paar Monaten. Das erhöht unter anderem den Druck auf finanziell angeschlagene Euro-Staaten wie Italien und Griechenland.
Auf der anderen Seite bedeutet die Zinserhöhung eine kleine Entlastung für die Sparer in Deutschland. Diese litten jahrelang unter den niedrigen Zinsen der EZB, wodurch auf traditionelle Anlagemodelle wie Tages- und Festgelder keine Zinsen mehr zu erwarten waren. Das scheint sich nun wieder spürbar zu ändern. Immer mehr Banken und Sparkassen haben die Strafzinsen für das Einlagern des Geldes mittlerweile gestrichen. Aber mehr noch: Immer öfter können die Kunden sogar wieder Zinsen für ihre Tages- und Festgelder erhalten. Der Finanzdienstleister FHM-Finanzberatung aus Frankfurt beobachtete zum Beispiel, dass die Zinsen für Festgelder über zwölf Monate innerhalb von nur zwei Wochen im Schnitt um 25 Prozent gestiegen seien. Beim Tagesgeld sei demnach sogar ein noch höherer Anstieg von 40 Prozent zu beobachten gewesen. Das Problem: Trotz Anstieg liegen die Zinsen in beiden Fällen auf einem recht geringen Niveau. Beim Festgeld sind es demnach im Schnitt rund 0,46 Prozent. Beim Tagesgeld im Durchschnitt sogar nur 0,07 Prozent.
Werden die Zinsen zeitnah steigen?
Die vorsichtigen Tendenzen der Branche werten viele Sparer als Beleg dafür, dass in naher Zukunft wieder deutlich höhere Zinsen bei Tages- und Festgeldern zu erwarten sind. Ganz so schnell dürfte dies nach Einschätzungen von Experten jedoch nicht gehen. Stattdessen ist zu erwarten, dass erst einmal die Negativzinsen gestrichen und Freibeträge von den Banken erhöht werden. Schon dies würde wohl dafür sorgen, dass wieder deutlich mehr Kunden ihre Gelder auf dem Girokonto, Tagesgeldkonto oder Festgeldkonto parken würden.
Auf lange Sicht ist also durchaus damit zu rechnen, dass die Strafzinsen ihre kurze Daseinsperiode wieder beenden. Dennoch dürfte der Prozess auch noch eine Mange Zeit in Anspruch nehmen. Noch immer verlangen mehrere hundert Banken in Deutschland Negativzinsen von den Privatkunden.
Ausländische Festgelder bieten derzeit die beste Verzinsung
Zwischen den Tagesgeldkonten und den Festgeldkonten müssen sich die deutschen Sparer auf zum Teil gewaltige Unterschiede einstellen. Die ING-DiBa etwa bietet Neukunden und Bestandskunden auf dem Tagesgeld eine Verzinsung von gerade einmal 0,001 Prozent. Auch wenn es verrückt klingt: Das ist ein Fortschritt. Noch bis vor kurzer Zeit war es für Neukunden überhaupt nicht möglich, ein Tagesgeldkonto bei der Bank zu eröffnen. Spürbar höher ist die Verzinsung beim Unternehmen Bank11. Hier werden ganze 0,30 Prozent Zinsen auf das Tagesgeld geboten – jedoch nur einen begrenzten Zeitraum von drei Monaten. Im Anschluss daran sinkt auch hier der Tagesgeld-Zins auf 0,05 Prozent.
Festgelder werden im direkten Vergleich spürbar besser verzinst. Allerdings gilt das derzeit nicht unbedingt für deutsche Anlagen. Die besten Zinsen finden die deutschen Sparer bei den Festgeld-Anlagen im Ausland. Zu den besten Zinszahlern gehört zum Beispiel das Unternehmen Klarna, welches unter anderem für den Dienst der Sofortüberweisung bekannt ist. Die Schweden versprechen rund 1,30 Prozent Zinsen auf das Festgeld bei einer Anlagedauer von einem Jahr. Bei einem Investment über zwei Jahre erhöht Klarna sogar auf bis zu 1,70 Prozent pro Jahr. Bei der Deutschen Pfandbriefbank winken derzeit hingegen immerhin 0,75 Prozent bei einer Anlagedauer von einem Jahr.
Das ist bei Festgeldern im Ausland wichtig
Wichtig gerade bei ausländischen Festgeldern: Der Blick auf die Einlagensicherung. Diese gewährleistet einen gesetzlichen Schutz im Falle einer Schieflage der Bank. Bis zu 100.000 Euro sind hier gesetzlich in der Regel geschützt. Allerdings gibt es keine gemeinsame Einlagensicherung innerhalb der EU. Das führt zum Teil dazu, dass ganz unterschiedliche Wartezeiten bis zur Rückgutschrift des Geldes in Kauf genommen werden müssen. Deutsche Banken können hier generell sehr stark punkten und gewährleisten eine Gutschrift innerhalb von sieben Tagen.
Ohnehin sollten sich Sparer überlegen, ob ein Festgeld mit einer festen Anlagedauer über mehrere Jahre aktuell die beste Wahl ist. Die Niedrigzinspolitik der EZB ist noch nicht vollständig beendet. Es ist zu erwarten, dass weitere Zinserhöhungen in den kommenden Monaten folgen werden. Wer jetzt also bereits ein Festgeld nutzt, verschenkt möglicherweise zusätzliche Zinsen in ein paar Wochen und Monaten. Als Mittelweg kann unter Umständen auf eine gestaffelte Anlage zurückgegriffen werden, mit der eine gewisse Beobachtung des Marktes möglich ist.
Zinsen auf Anlagen noch kein Allheilmittel
Abgesehen davon bleibt noch ein weiterer, wichtiger Punkt zu berücksichtigen. Die Inflation. Selbst mit einer cleveren Festgeldanlage ist es derzeit unmöglich, die grassierende Inflation von mehr als sieben Prozent in Deutschland im Juni dieses Jahres auszugleichen. Anleger sollten sich bei diesen Anlagen also nicht auf große Zuwächse bei ihrem Kapital freuen. Ganz im Gegenteil: Dieses wird nur etwas langsamer entwertet als auf dem eigenen Girokonto. Als Absicherung gegen Kursverluste an der Börse oder eben die generelle Inflation sind diese Anlagen nicht geeignet.
Die gute Nachricht: Banken dürften bei steigenden Zinsen wieder mehr darauf Wert legen, Einlagen der Kunden verwahren zu können. Das könnte für attraktivere Angebote als im aktuellen Augenblick sorgen. Doch auch hier wird vermutlich noch einmal Geduld gefragt sein. Immerhin richten die Banken ihre nächsten Schritte stark nach den Entscheidungen der EZB aus. Solange sich diese nicht zu weiteren Erhöhungen des Leitzinses durchringen kann, werden auch die Geldhäuser keine attraktiveren Konditionen für Sparer auf den Tisch legen.
Neue Konkurrenz für die deutsche Finanzbranche?
Mit Blick auf die Konkurrenz könnte sich in den kommenden Monaten auf dem deutschen Markt ohnehin eine Menge tun. Es mehren sich die Gerüchte, dass die US-Bank JP Morgan vor einem Einstieg auf dem deutschen Markt steht. Das US-Unternehmen gehört gemessen an der Marktkapitalisierung zu den absoluten Schwergewichten der Branche und könne hier zu einem enormen Konkurrenten von Größen wie den Sparkassen oder der Commerzbank werden. Insbesondere dessen, weil die US-Amerikaner offenbar kein Firmenkundengeschäft, sondern ein Privatkundengeschäft mit Girokarte und Sparkonten anbieten wollen. Es dürfte also spannend zu sehen sein, ob dieser mächtige Einstieg auch die Zinslandschaft für Sparanlagen noch einmal beeinflussen kann.