• Donnerstag, 29. Januar 2026

Boon: Wirecards ehemaliger Rohdiamant stellt Dienst ein

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Auch diejenigen, die sich eigentlich nicht sonderlich stark für die Börse oder den Dax interessieren, dürften mitbekommen haben, dass mit dem „Wirecard Skandal“ einer der größten Abstürze eines Dax-Unternehmens aller Zeiten bestaunt werden kann. Während sich die Lage rund um das Unternehmen und insbesondere einige Hintermänner als undurchsichtig zeigt, gilt das für einen ehemaligen „Rohdiamanten“ von Wirecard nicht mehr. Die Rede ist vom Zahlungsdienst „Boon“. Den hatte das Unternehmen einst als großen „Heilsbringer“ für Zahlungsabwicklungen angepriesen, wirklich gerecht wurde Boon diesem Ruf allerdings nicht. Nun stellt Boon seine Dienste zum 3. Oktober ein. Ist dies auch das endgültige Ende von Wirecard als Dax-Konzern?

Wirecard-Skandal sorgt für Einstellung des Boon-Betriebs

Innerhalb des Wirecard-Konzerns galt Boon insgeheim als einer der großen Hoffnungsträger. Bereits in den letzten Monaten wurde allerdings deutlich, dass der Dienst deutlich weniger effizient und ertragsstark arbeitet als dies von Wirecard lange behauptet wurde. Ein klassischer Fall von „Auf das falsche Pferd gesetzt“. Und genau dieser Fall findet nun ein, zugegebenermaßen nicht ganz überraschendes, Ende. Die rund 10.000 Nutzer von Boon wurden per Nachricht darüber informiert, dass der Bezahldienst ab Oktober nicht mehr weiter zur Verfügung stehen wird. Konkret heißt es: „Book verabschiedet sich von dir“. Und weiter: „Aufgrund der aktuellen Situation und der Vorkommnisse der letzten Wochen können wir den Service leider nicht länger aufrechterhalten.“

Während die breite Öffentlichkeit bei Boon von Anfang an skeptisch war, galt der Service in den Reihen von Wirecard als geheimer Shootingstar. Und das wurde auch in der Öffentlichkeit kommuniziert. Der mittlerweile zurückgetretene Vorstandschef Markus Braun teilte gegenüber dem „Handelsblatt“ im letzten Jahr mit, dass man auf Dauer in der ganzen Welt aktiv werden wolle. Und nicht nur das. Boon könne von Unternehmen genutzt werden, um eigene White-Label-Lösungen auf dessen Basis zur Verfügung zu stellen. Bis 2025, so schätzte Braun damals, könne man mit Boon hunderte Millionen von Bankkunden gewinnen.

Bezahldienst Boon: Mehr Schein als Sein

Zwischen Mutterkonzern Wirecard und dem Bezahldienst Boon lassen sich mittlerweile interessante Gemeinsamkeiten erkennen. Wirecard ist bekanntermaßen an falschen Angaben zu Geldvermögen gestürzt und wurde somit größer gemacht als es eigentlich war. Genau das Gleiche trifft auf den Dienst von Boon zu. Obwohl mehrere hundert Millionen Bankkunden als Zielgruppe angepeilt wurden, kam Boon laut Insider-Berichten gegenüber „Capital“ und „Finance Forward“ gerade einmal auf rund 10.000 Nutzern. Und das, obwohl man kräftig für das Angebot geworben hatte. Unter anderem wurden Treue-Aktionen oder Cashback-Programm beworben. Sogar dann noch, als bereits klar war, dass rund 1,9 Milliarden Euro auf vermeintlichen asiatischen Treuhandkonten gar nicht existieren.

Bereits im Vorfeld der Cashback-Aktionen wurde mit dem Dienst „Boon Planet“ im Februar ein Nachfolge-Dienst an den Start gebracht. Auch hier lockte Wirecard wieder mit einigen Extras. Unter anderem einer Verzinsung von 0,75 Prozent bis zu einem Betrag von 10.000 Euro. In Zeiten von Niedrigzinsen eigentlich ein unschlagbarer Deal. Doch wirklich gezogen hat auch dieses Angebot nicht. Der große Ansturm blieb aus. Anders als Boon, ist Boon Planet allerdings derzeit nicht von einer Einstellung des Dienstes betroffen. Der Grund liegt in den verschiedenen Partnern. Bei Boon mussten die Nutzer noch ein zusätzliches Konto bei einer Sparkasse oder vergleichbaren Bank besitzen. Bei Boon Planet wurde dieses durch ein Konto der Wirecard Bank ersetz. Und eben jene Wirecard Bank gilt offiziell noch nicht als insolvent. Insofern kann der Dienst Boon Planet auch noch weiter betrieben werden. Ob die schlechten Nachrichten rund um den Mutterkonzern allerdings dafür sorgen, dass Nutzer künftig auf Boon Planet zurückgreifen, darf stark angezweifelt werden.

Boon-Nutzer sollen Guthaben ausgeben

Nutzer von Boon jedenfalls wurden vom Dienst darauf hingewiesen, dass diese ihr Guthaben auf dem Konto möglichst vollständig und zeitnah ausgeben. Hierzu rät der Dienst: „Damit du den Zielbetrag deiner letzten Bezahlung mit Boon genau triffst, lade ggf. deinen Account noch ein letztes Mal um genau den Differenzbetrag auf.“ Sobald die Kunden ihren Kontostand durch Einkäufe im Geschäft oder online aufgebraucht hätten, würden die Transaktionen auf „gebucht“ gestellt werden. Ab diesem Moment können die Nutzer ihren Boom-Account in der App kündigen. Wem das zu umständlich ist, legt der Konzern eine Alternative zur Seite. Mit dieser kann der Restbetrag auf ein Girokonto bei einer Bank ausgezahlt werden. Das Problem: Dieser Weg ist nur über das Service-Team von Wirecard möglich. Da dieses aber offenbar bereits stark in Anspruch genommen wird, dürfte dieser Weg deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Wirecard rät den Nutzern laut „Handelsblatt“ deshalb dazu, ihr Restguthaben in einem Shop oder online auszugeben.

Wirecard: Ende im Dax noch im August

Fast zeitgleich mit dem Ende von Boon gibt es weitere Neuigkeiten rund um den Mutterkonzern Wirecard. Das Unternehmen wird noch im August aus dem Dax genommen. Hierfür hat die Deutsche Börse ihr Regelwerk nach einer Konsultation mit Marktteilnehmern überarbeitet. Wie es heißt, sollen demnach insolvente Unternehmen mit einer Frist von zwei Handelstagen aus den Dax-Auswahlindizies herausgenommen werden. Dazu gehören nicht nur der Dax, sondern auch der Mdax, der Sdax oder der TecDax. In Kraft treten soll die Regel laut der Deutschen Börse ab dem 19. August. Für Wirecard bedeutet dies, dass der Konzern am 21. August aus dem Dax fliegen wird. Denn: Die neuen Änderungen in der Zusammensetzung sollen nach Börsenschluss am Freitag, den 21. August, umgesetzt werden. Als Grundlage für die Ranglisten-Berechnung würden der 31. Juli und die weiteren Vorgaben aus dem Regelwerk gelten.

Wer für Wirecard den Platz im Vorzeige-Index Dax übernehmen wird, ist bislang noch nicht ganz klar. Experten schätzen, dass der Online-Essenszusteller Delivero Hero hier der Marktteilnehmer der Stunde werden könnte. Andere Experten rechnen dem Unternehmen Symrise starke Chancen zu. Dieser Konzern beschäftigt sich mit der Herstellung von Duft- und Aromastoffen.

Der Wirecard-Skandal im Überblick

Der Zahlungsdienstleister Wirecard galt lange als große deutsche Technologie-Hoffnung. Nach der Gründung verlief es für das Unternehmen enorm erfolgreich, 2018 schaffte der Konzern den Sprung in den Dax und löste hier die Commerzbank ab. Im Juni dieses Jahres wurde die breite Öffentlichkeit allerdings darauf aufmerksam, dass Unregelmäßigkeiten in den Angaben des Konzerns zu entdecken sind. So sollen Wirtschaftsprüfungsunternehmen erklärt haben, dass sie keinen Beweis für das Vorhandensein von rund 1,9 Milliarden Euro finden könnten. Im Juni teilte der Konzern dann mit, dass die Summe offenbar nicht vorhanden sei und es sich bei den 1,9 Milliarden Euro um Luftbuchungen handeln würde. Eigentlich hätte das Geld auf Treuhandkonten in Asien lagern sollen. Entsprechende Bankbelege seien aber gefälscht, wie die Banken vor Ort berichteten. Nachdem zunächst Markus Braun als Vorstandsvorsitzender in U-Haft kam, wurde dieser auf Kaution wieder entlassen. Noch immer gefahndet wird nach Jan Marsalek, der für eben jene Geschäfte in Asien und dem Ausland zuständig gewesen sein soll. Marsalek gilt als bestens vernetzt in Russland, unter anderem mit Kontakten zu Geheimdiensten. Mittlerweile fahndet Interpol nach dem Geschäftsmann, der als eine der Schlüsselfiguren im Wirecard-Skandal gilt.

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