• Freitag, 1. Mai 2026

Brexit stärkt die deutschen Banken

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Als im Juli des letzten Jahres die Briten in einem Referendum für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten, war die Aufregung groß. Von einer drohenden Rezession für das britische Königreich war die Rede, die verbleibenden EU-Länder hätten mit deutlichen Einbußen des Wachstums zu rechnen und einige Beobachter erwarteten gar ein fortgesetztes Auseinanderfallen der Europäischen Union. Mittlerweile hat sich der Rauch verzogen und die Folgen des Brexit können deutlich nüchterner und realistischer betrachtet werden. Fakt ist, dass es bei weitem nicht so schlimm gekommen ist, wie die Pessimisten zunächst vermutet haben. Trotzdem ist natürlich noch längst nicht klar, mit welchen Folgen einzelne Länder und Branchen konkret zu rechnen haben. Sicher ist, dass es auch Verlierer geben wird. Demgegenüber stehen aber auch durchaus Profiteure dieser Entwicklung. So halten es Wirtschaftsforscher für sehr wahrscheinlich, dass der Finanzstandort Deutschland gestärkt aus den Entwicklungen rund um den Brexit hervorgehen wird. Warum dies so ist und ob womöglich sogar gebührengeplagte deutsche Bankkunden davon profitieren können, möchten wir in den folgenden Zeiten beantworten.

Der Brexit und seine Folgen

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Diese Lebensweisheit scheint auch für den Brexit und dessen Folgen zu gelten. Weder eine wirtschaftliche Rezession noch ein weiteres Auseinanderfallen der Europäischen Union stellen derzeit ein realistisches Szenario dar. Ganz im Gegenteil: nach den Wahlen in diesem Jahr in Frankreich und den Niederlanden sehen Wissenschaftler und Politiker den Standort Europa wesentlich gestärkt. Die Wirtschaft, allen voran in Deutschland, befindet sich auf einem soliden Wachstumskurs und ein Abflauen der Konjunktur scheint derzeit nicht in Sicht. Sinkende Arbeitslosenzahlen lassen auch die Gefahr für weitere Referenden für einen Austritt aus der EU stark zurückgehen. Auch die Finanzmärkte, die zunächst direkt nach dem Referendum auf Tauchstation gegangen waren, befinden sich aktuell auf Rekordhöhen und zeigen vor allem Zuversicht an. Diese insgesamt positive Entwicklung sollte natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der EU-Austritt von Großbritannien auch negative Folgen haben kann. Auch wenn noch überhaupt nicht klar ist, wie der Austritt tatsächlich umgesetzt werden soll, so wird das Handelsvolumen zwischen Europa und Großbritannien mit Sicherheit schrumpfen. Wie stark dieser Rückgang ausfallen wird, hängt natürlich auch davon ab, ob ein „harter“ oder ein „weicher“ Brexit umgesetzt wird. Ein harter Brexit, also vor allem eine starke Abschottung der jeweiligen Märkte gegeneinander, hätte sicherlich auch für einige Industriezweige in Deutschland negative Folgen. Insbesondere die für Deutschland sehr wichtige Autobranche bangt um ihre Absatzmärkte jenseits des Ärmelkanals. Weitere Verlierer könnten Maschinenbauer und andere Industriezulieferer sein, wenn ihnen durch Handelsbeschränkungen der Marktzugang erschwert oder sogar verwehrt wird. Am negativsten wird allerdings derzeit vor allem die Unsicherheit gewertet, da eben noch nicht klar ist, wie der Brexit am Ende tatsächlich umgesetzt wird. Dagegen zeichnen sich derweil auch schon einige Gewinner ab. Einer dieser Gewinner könnte die Finanzbranche in Deutschland sein.

Der Finanz-Standort Deutschland wird profitieren

Mit dem Brexit hat der neben New York wohl wichtigste Finanzstandort der Welt in London stark an Bedeutung eingebüßt. Sowohl durch die Verbindungen in die USA, als durch den bisher weitgehend uneingeschränkten Zugang zur Europäischen Union stellte die Londoner Finanzbranche ein zentrales Bindeglied zwischen den beiden wichtigsten Industrieregionen der Welt dar. Und auch mit den aufstrebenden Märkten in Asien war die Londoner Finanzbranche bestens vernetzt. Mit dem Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union geht der so wichtige Zugang zum europäischen Binnenmarkt verloren. Die Finanzmetropole London mit ihren vielen Banken und Investmentgesellschaften büßt dadurch deutlich an strategischer Bedeutung ein. Auch hier wird es wohl längst nicht so schlimm kommen, wie zunächst vermutet, dennoch gehen Branchenkenner davon aus, dass ein großer Teil der Arbeitsplätze aufs europäische Festland verlagert werden. Schon vor der Brexit-Entscheidung haben sich potentielle Kandidaten in Stellung gebracht. Neben Paris wird vor allem Frankfurt als wichtiger Zielort für umzugswillige Londoner Finanzunternehmen gehandelt. Hinzu kommt, dass sich auch einige EU-Behörden einen neuen Standort suchen müssen. Der Finanzstandort Deutschland könnte also in den nächsten Jahren deutlich von den Folgen des Brexit profitieren, wenn internationale Finanzinstitute einen Teil ihres Geschäfts nach Deutschland verlagern. Davon gehen auch die Verantwortlichen in den europäischen Banken aus. In einer aktuellen Befragung zeigen sich mehr als 80 Prozent der Verantwortlichen überzeugt, dass Arbeitsplätze mit Sicherheit oder zumindest sehr wahrscheinlich von London nach Frankfurt verlagert werden. Mit zusätzlichen Arbeitsplätzen und einer wachsenden Zahl von Niederlassungen steigt das Gewicht und damit auch die Attraktivität des Finanzstandortes Frankfurt am Main weiter. Für die Finanzbranche, die derzeit nicht nur in Deutschland mit verschiedenen Schwierigkeiten, insbesondere aber mit den niedrigen Zinsen zu kämpfen hat, könnte dieser Schub zum richtigen Zeitpunkt kommen. Zumindest steigen die Chancen, dass die deutschen Finanzhäuser ihre lang anhaltende Ertragsschwäche überwinden können. In jedem Fall könnte die neue Konkurrenz die Branche beleben und ihr neuen Schwung verleihen. Doch können auch die Kunden in Deutschland von dieser Entwicklung profitieren?

Was haben deutsche Bankkunden davon?

Welche Folgen die Verlagerung von Arbeitsplätzen von London nach Frankfurt für den einfachen Bankkunden haben wird, kann derzeit noch nicht klar beantwortet werden. Lange Zeit galten die Bankkunden in Deutschland ohnehin als vergleichsweise komfortabel mit günstigen Bankdienstleistungen versorgt. Bis vor wenigen Jahren konnte aus einer sehr großen Vielfalt von günstigen Girokonten gewählt werden. Die persönliche Beratung in der Filiale gab es häufig inklusive. Doch dies hat sich mittlerweile deutlich geändert. Insbesondere die Sparkassen sowie die großen Geschäftsbanken wie Commerzbank oder Deutsche Bank haben sich mit ihren umfassenden Filialnetzen ein veritables Ertragsproblem eingehandelt. Während nämlich die Filialen Unsummen verschlingen, sind die Erträge aus dem Kreditgeschäft in Folge der niedrigen Zinsen stark zurückgegangen. Eine Bank nach der anderen hat in den letzten Jahren daher kostenlose Kontomodelle gestrichen und unterschiedliche Gebühren für einst selbstverständliche Dienstleistungen eingeführt. Dass diese Entwicklung mit dem Zuzug neuer Finanzinstitutionen aus London ein Ende haben wird, gilt aber als eher unwahrscheinlich. Denn die neuen Banken werden sich wohl nur zu einem kleinen Teil um das Privatkundengeschäft kümmern und damit den angestammten Instituten mit günstigen Kontomodellen wohl eher keine zusätzliche Konkurrenz machen. Trotzdem könnte zumindest langfristig der neue Wettbewerb zu mehr Dynamik in der Branche und damit zu innovativen Produkten führen. Doch auch hier bleibt vieles noch abzuwarten.

Wie erkennt man ein „gutes“ Girokonto?

Davon abgesehen haben es die Bankkunden in Deutschland prinzipiell nach wie vor selber in der Hand, wie viel sie für das Girokonto als Standardprodukt zahlen müssen. Ausgangspunkt sollte bei der Wahl eines guten Girokontos ohnehin der eigene Anspruch daran sein. Nicht jeder Bankkunde ist auf persönliche Beratung in der Filiale angewiesen und braucht daher auch nicht unbedingt ein Konto bei einer solchen Bank. Konkret sollte man sich fragen, wie oft in den letzten Monaten und Jahren eine Filiale für ein Beratungsgespräch aufgesucht wurde. Wer diese Frage mit „sehr selten“ oder „gar nicht“ beantwortet, dürfte auch bei einer Direktbank bestens aufgehoben sein. Hier gibt es eine prinzipiell gleichwertige Dienstleistung im Rahmen eines Girokontos, nur deutlich günstiger. Die Kontoführung, also die Einrichtung von Daueraufträgen oder der Abruf von Kontoauszügen erfolgen dabei ausschließlich über das Online Banking. Filialen können dagegen nicht mehr genutzt werden. Wie gut das Konto tatsächlich ist, hängt auch davon ab, wie einfach und kostengünstig der Kontoinhaber an Bargeld gelangt. Während die klassischen Filialbanken, wie Sparkasse oder Deutsche Bank, über ein gut ausgebautes Netzwerk von eigenen Geldautomaten verfügen, können Direktbanken diesen Service nicht anbieten. Die Nutzung fremder Geldautomaten ist dabei häufig mit hohen Gebühren verbunden, wodurch das ganze Modell wiederum wenig lukrativ erscheint. Doch auch hier bieten die Direktbanken interessante Alternativen: Bargeld kann etwa beim Einkauf an der Supermarktkasse abgehoben werden. Außerdem bieten einige Direktbanken eine günstige oder gar kostenlose Kreditkarte, die ebenfalls kostenlosen Bargeldzugang im In- und Ausland garantiert. Nicht auszuschließen ist, dass durch zusätzlichen Wettbewerber in Folge des Brexits die Auswahl an günstigen und innovativen Bankdienstleistungen etwas steigt. So könnten letztendlich auch die Kunden profitieren.

Fazit – Brexit hat keine direkten Auswirkungen auf Bankkunden in Deutschland

Der Brexit vor etwa einem Jahr hat sowohl in Großbritannien als auch in Europa einige Ängste und Befürchtungen ausgelöst. Auch wenn längst noch nicht klar ist, welche Entwicklung der ganze Prozess nehmen wird, so scheint doch als sicher, dass es bei weitem nicht so schlimm kommt, wie zunächst befürchtet. Neben einigen Verlierern könnte es auch Gewinner geben. Dazu wird etwa die Finanzbranche in Deutschland gezählt. Der Finanzstandort Frankfurt am Main gilt als eine wichtige Ausweichmöglichkeit für Institute, die ihre Aktivitäten bisher hauptsächlich über London gesteuert haben. Die Verantwortlichen in den Europäischen Banken sind sich in großer Mehrheit sicher, dass zahlreiche Abteilungen und damit auch Arbeitsplätze von London nach Frankfurt verlagert werden. Teilweise könnten davon auch ganze Unternehmen und Behörden betroffen sein. In der Deutschen Finanzbranche wird dies für eine positive Dynamik sorgen.

Ob davon allerdings auch die einfachen Bankkunden profitieren können, steht auf einem anderen Blatt. Zumindest unmittelbar steht nicht zu erwarten, dass die Entwicklung steigender Gebühren und sinkender Zinsen auf die Einlagen ein schnelles Ende haben wird. Für kostenbewusste Bankkunden heißt dies, weiterhin nach günstigen Modellen Ausschau zu halten. Auch wenn sich die Reihen hier deutlich gelichtet haben, gibt es immer noch kostenlose Girokonten. Ein Beispiel ist das Girokonto der DKB. Zum Leistungsumfang gehört bei diesem Konto auch eine Kreditkarte von VISA, die den kostenlosen Zugang zu Bargeld im Inland und teilweise auch im Ausland sichert. Auch die comdirect Bank, eine Tochter der Commerzbank, bietet ein kostenloses Girokonto inklusive Kreditkarte an. Bei beiden Kontomodellen hängt die Vergabe des Kontos nicht davon ab, ob ein regelmäßiger Geldeingang zu verzeichnen ist. Dies ist dagegen bei der ING-DiBa der Fall. Auch hier können die Kunden ein kostenloses Girokonto inklusive Kreditkarte nutzen, müssen allerdings ein regelmäßiges Einkommen nachweisen.

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