Für die betroffenen Sparer stellt es sicher eine ganz neue Erfahrung dar: statt regelmäßig Zinsen für ihre Einlagen zu erhalten, dreht die Bank plötzlich den Spieß um und verlangt ihrerseits Zinsen von den Kunden. Bei dieser Umkehrung der bisher üblichen Verhältnisse handelt es sich um die Weitergabe der negativen Zinsen, die auf Ebene der Europäischen Zentralbank (EZB) schon länger üblich sind. Die Banken geben prinzipiell also nur weiter, was auf höherer Ebene seit mehr als einem Jahr gang und gäbe ist. Neu ist jedoch, dass der negative Zins bereits ab dem ersten Euro gelten soll, also prinzipiell auch Kleinsparer betrifft. Bisher waren nämlich ausschließlich vermögende Sparer sowie Firmenkunden von diesem Phänomen betroffen. Doch ganz nüchtern betrachtet stellt ein negativer Zins nicht unbedingt eine völlig neue Situation dar. Schon immer hatten Kunden die Wahl zwischen kostenlosen, günstigen und teuren Kontomodellen. Welche Entwicklung hier weiter zu erwarten ist und wie betroffene Kunden am besten reagieren, zeigen wir in den folgenden Abschnitten.
EZB drückt auf die Zinsen
Was sich für den Kleinsparer in Form von niedrigen oder gar fehlenden Zinsen äußert und als kaum nachvollziehbar erscheint, hat einen einfachen Grund: die EZB versucht seit einigen Jahren, mit ihrer Geldpolitik die Wirtschaft in der Europäischen Union in Gang zu bringen und die Rate der Kerninflation auf ein höheres Niveau zu heben. Das Instrument hierfür ist die lockere Geldpolitik, also insbesondere niedrige Zinsen. Da aber niedrige Zinsen alleine nicht ausreichend Wirkung gezeigt haben, ging die EZB sogar darüber hinaus, und verlangt von den Geschäftsbanken nun sogar negative Zinsen, wenn sie Geld bei ihr einlegen. Damit sollen die Banken einen Anreiz erhalten, mehr Kredite an Kunden und Unternehmen zu vergeben. Tatsächlich befinden sich die Zinsen für Kredite seit Jahren auf einem rekordverdächtig niedrigen Stand und auch die Vergabe von Krediten hat in dieser Zeit etwas angezogen. Die Kehrseite dieser Entwicklung sind jedoch extrem niedrige Zinsen für die Sparer. Nach dem es auf sichere Anlagen wie Tagesgeld und Festgeld, wenn überhaupt, nur noch Minizinsen gibt, ist das Niveau bei Einlagen auf Girokonten schon länger bei null. Darüber hinaus sind die Banken aber bisher davor zurückgeschreckt, zumindest auf breiter Basis negative Zinsen von ihren Kunden zu verlangen. Doch es gab einige Ausnahmen. Bereits seit längerem verlangte eine Bank in Altenburg von Firmenkunden Zinsen für Einlagen von mehr als 100.000 Euro. Seit einigen Monaten hatte sich eine weitere Bank in Süddeutschland auch für Privatkunden zu diesem Schritt entschlossen. Nun ist mit der Volksbank in Görlitz der erste Fall bekannt geworden, in dem faktisch negative Zinsen bereits ab dem ersten Euro verlangt werden also auch Kleinsparer direkt betreffen.
Zinsen ab dem ersten Euro
Es war zumindest ein Schritt, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hat: Für ein Tagesgeldkonto wird dabei bereits ab dem ersten Euro eine monatliche Gebühr von fünf Euro erhoben. In Verbindung mit dem derzeit gültigen Zinssatz in Höhe von 0,01 Prozent ergibt sich in der Gesamtbilanz also eine negative Bilanz. Tatsächlich handelt es sich also gar nicht um einen negativen Zins und nach Angaben der Bank sind derzeit auch keine Kunden von diesem Schritt betroffen. Denn es handelt sich um ein Angebot, welches ausschließlich für Neukunden gilt. Vor dem Hintergrund der dargestellten EZB Zinspolitik ist dieser Schritt aber durchaus konsequent: Banken sind derzeit nur bedingt daran interessiert, dass Kunden ihr Geld auf ihren Konten parken. Das gebührenpflichtige Tagesgeldkonto soll also vor allem Kunden davon abhalten, ein Konto zu eröffnen. Denn mit den Einlagen hätte die Bank selber zunächst nur Kosten, wenn diese bei der Zentralbank hinterlegt werden. So gesehen handelt es sich also gar nicht um einen so spektakulären Schritt. Dies gilt umso mehr, wenn man sich bewusstmacht, dass gerade im Bereich der Girokonten sehr viele Modelle schon länger mit Kosten für den Kontoinhaber verbunden sind.
Kostenpflichtige Konten gab es aber schon immer
Das Presseecho, welches der Schritt der betreffenden Bank hervorgerufen hat, ist umso verwunderlicher, wenn berücksichtigt wird, dass es kostenpflichtige Konten eigentlich schon sehr lange gibt. In der Gesamtbilanz hatten Sparer häufig auch bei einem geringen Zinssatz eine letztlich negative Gesamtbilanz, da etwa eine monatliche Gebühr für die Kontoführung verlangt wurde. Mittlerweile stellt die Einführung oder die Erhöhung von Gebühren aber ein gängiges Mittel vieler Banken dar, um die wegbrechenden Einnahmemöglichkeiten zumindest teilweise zu kompensieren. Während noch vor wenigen Monaten ein Großteil der Banken über kostenlose Kontomodelle verfügte, haben viele Institute diese Angebote nun gestrichen. In einigen Fällen stehen sie nun nur noch Kunden mit hohem regelmäßigen Einkommen zur Verfügung. Kunden haben es also prinzipiell stets selber in der Hand, wie hoch die Kosten für ihre Kontoführung ausfallen. Dabei sollte nicht ausschließlich auf die Zinsen und die Grundgebühren geachtet werden.
Welche Möglichkeiten haben die Kunden?
Die Banken wissen sehr genau, dass es sich bei den Gebühren um einen sehr wichtigen Faktor handelt, wenn sich Kunden für ein bestimmtes Angebot entscheiden. Vor diesem Hintergrund gehen sie mitunter auch sehr vorsichtig vor, wenn die Gebühren erhöht werden sollen. So sind einige Banken etwa dazu übergegangen, die kostenlose Kontoführung von bestimmten Bedingungen, wie etwa Geldeingang oder Intensität der Nutzung abhängig zu machen. Ein beliebtes Mittel ist es außerdem, statt regelmäßiger Gebühren verschiedene Transaktionen mit Kosten zu belegen. So werden etwa Gebühren für Überweisungen verlangt oder das Institut lässt sich die Versendung von Kontoauszügen bezahlen. In jedem Fall ist es aber nicht unausweichlich, sich diesem Treiben schutzlos auszusetzen. Denn nach wie vor gibt es eine kleine Auswahl von nach wie vor kostenlosen Kontomodellen. Hierzu gehören etwa die Girokonten der Institute comdirect, der VW Bank oder auch der Consorsbank. Bei den Tagesgeldmodellen dieser Institute werden zudem weder Kontoführungsgebühren verlangt noch sind einzelne Transaktionen mit Kosten verbunden.
Fazit – Kleinsparer können Strafzinsen umgehen
Der Schritt der Volksbank in Görlitz, ab dem ersten Euro und damit auch von Kleinsparern faktisch einen Zins zu verlangen, hat zwar für ein gewisses Aufsehen gesorgt, erscheint nüchtern betrachtet aber weniger spektakulär. Denn zum einen gilt das konkrete Angebot ausschließlich für Neukunden und soll den Zweck erfüllen, Kunden mit größeren Guthaben von der Bank fernzuhalten. Darüber hinaus stellen Gebühren für Kontomodelle schon längst keine Ausnahme mehr dar. Insbesondere in den letzten Monaten sind viele Banken dazu übergegangen, kostenlose Kontomodelle zu streichen oder negative Zinsen praktisch durch die Hintertür einzuführen, indem einzelne Transaktionen mit Kosten belegt werden. Die Bankkunden haben aber nach wie vor die Möglichkeit, auf kostenlose Kontomodelle auszuweichen und so dauerhaft Gebühren zu sparen.